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Rockkonzert
10. Januar 2022
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Rock ‘n’ Roll aus… Argentinien?! Die Geschichte vom Rock Nacional

Der Rock Nacional ist den Argentinieren so heilig, wie ihr Fußball. Lerne hier mehr über seine aufregende Geschichte.

Es war Oktober 1996. In Argentinien wurde das dreißigjährige Jubiläum des „Rock Nacional“ gefeiert. Mit einer riesigen Fotoausstellung, Objekten bekannter argentinischer Rocker, einer Dokumentation und vielen Live-Auftritten zollten die Argentinier einer Musikrichtung Tribut, welche sie seit den frühern 50ern durch gute und schlechte Zeiten begleitete.

Rock Nacional – nicht nur Musik, sondern eine vereinende Kraft

Als Militärdiktaturen das Land plagten, vereinte sich die Protestkultur des Landes rund um diese Musikrichtung. Sie entwickelten sogar Geheimsprachen und versteckten kritische Nachrichten in ihren Songtexten, welche auf die Unzufriedenheit der Bevölkerung aufmerksam machen sollten.

Der argentinische Rock ist eine vereinende Kraft des Landes, auf welche sein Volk mindestens genau so stolz ist, wie auf ihren Fußballerfolg. Doch als ich mich begann mit diesem Thema zu beschäftigen, war ich der Antwort einer ganz anderen Frage auf der Spur:

Schlug der Rock ’n‘ Roll außer in den USA und Großbritannien noch woanders große Wellen?

Schnell gelangte ich in die Tiefen uralter Blogs und spanischsprachiger Foren um alles über die Entwicklung des argentinischen Rock ’n‘ Roll herauszufinden und erinnerte mich immer mehr an das, was ich auf meiner Reise in Ecuador erlebte. Dort lernte ich, dass der Kontinent Südamerika und seine Kultur in Europa viel zu stiefmütterlich behandelt wird.

Südamerika – ein vergessener Kontinent wie Afrika?

Neben den westlichen Musikströmen entwickelte sich in Lateinamerika eine ganz eigene Interpretation der ersten Einflüsse durch Elvis und co. Finde jetzt heraus, welche interessanten Figuren und Personen diese Geschichte eines Landes und seiner Musik prägten.

Die Entstehung des Rock ’n‘ Roll in den USA

Der Blues hatte ein Baby und sie nannten es Rock ’n‘ Roll

https://ourpastimes.com/characteristics-of-rock-n-roll-music-12257433.html

Während der strengen Rassentrennung in den 1920ern und -30ern war es selten, dass afroamerikanische Musiker von der weißen Bevölkerung akzeptiert wurden. Zumindest galt das, solange Menschen dieser Kultur ihre eigene Musik machten.

Spielten Weiße Musik, welche aus diesen Kreisen kam, so war dies hingegen völlig akzeptiert und wurde als eine afroamerikanische Interpretation des Jazz angesehen.

Eine neue Zeit

In den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg begann eine neue Generation junger Amerikaner nun zu einer besonderen Art Musik zu tanzen. Sie entstand aus der Fusion verschiedener Genres wie Folk, Bluegrass, Country und Blues und sollte später als Rock ’n‘ Roll bekannt werden.

Dass diese Musik tiefe afroamerikanischen Wurzeln hatte, trug zum schlechten Image ihrer Hörer bei. Die ältere Generation konnte diese „niederen“ Einflüsse einfach nicht akzeptieren.

Doch gerade diese Popularität unter den weißen Teenagern war es, die Rock ’n‘ Roll so populär machte, denn sie sahen es als Protest gegen den Musikgeschmack ihrer Eltern und Großeltern an, diese Musik zu hören.

Die erste Rock ’n‘ Roll Platte

„Es ist eine dieser Debatten, auf die es niemals eine klare Antwort geben wird.

Es wäre schön, wenn ich dir sagen könnte, dass die erste Rock ’n‘ Roll Platte von Fred Bloggs kam, aber das wäre ein Ding der Unmöglichkeit.

Es gibt einfach keine definitive Antwort auf diese Frage.“

https://www.theguardian.com/music/2004/apr/16/popandrock

Auch heute noch bekannte Lieder wie Rock around the Clock oder That’s alright Mama können es nicht für sich beanspruchen, die ersten Rock ’n‘ Roll Lieder gewesen zu sein. Sie waren einfach die ersten Interpretationen weißer Musiker. Die Grundlagen dafür wurden schon lange Zeit zuvor von Afroamerikanern gelegt.

Musikalische Elemente des Rock ’n‘ Roll

Die Musik wird von treibenden Rhythmen, zu denen es sich gut tanzen lässt, dominiert. Dieser infektiöse Beat und der Fokus auf den gleichzeitig entstehenden Tanz veranlasste „die Alten“ dazu, diesen Stil auch als „Dschungelmusik“ zu bezeichnen.

Die wichtigsten vier Elemente des Rock ’n‘ Roll wurden netterweise von diesem Quora-Autor aufgeschlüsselt. Schauen wir sie uns mal an:

  1. Energie: Im Vergleich zu früheren Formen von Pop-Musik wie Big-Band oder anderer Begleitmusik bot die Rock-Musik den Jugendlichen eine brandheiße Mischung, welche sich super zum Tanzen und Leben des jungen Lebens eignete.
  2. Treibende Rhythmen: Die meisten Rock ’n‘ Roll Stücke wurden in der Vier-Viertel-Taktart geschrieben und weisen ein Tempo zwischen 100 und 140 Schlägen pro Minute auf. Wie oft sich diese Mischung auch noch heute finden lässt und was das genau bedeutet, kannst du hier nachlesen.
  3. Elektronische Instrumente und Drum-Kits: Die Popularisierung der elektrischen Gitarre durch Personen wie Leo Fender oder Les Paul, bot den Musikern ganz neue Möglichkeiten, sich selbst auszudrücken. Mittels elektronischer Verstärkung war es nun auch kleinen Bands möglich, einen lauten und dominanten Klang zu erzeugen, sodass die E-Gitarre bis heute das Kerninstrument der Rock-Musik bleibt.
  4. Eine große Bandbreite von Textthemen: Im Gegensatz zu Blues, Country oder Folk, erlaubte es Rock ’n‘ Roll den Musikern den Puls der Zeit voll und ganz in ihren Texten zu belichten. Von den süßen Seiten des Lebens bis zu gesellschaftlichen Problemen konnte hier jedes Thema belichtet werden.

Auch die 1951 eingeführte Bassgitarre trug massiv zu der Tanzbarkeit dieser neuen Musik bei. Laute, tiefe Klänge treiben den Körper einfach an. Wenn du mehr darüber erfahren möchtest , warum es sich lohnt den Bass zu spielen, lies hier weiter.

Harmonisch übernahm der Rock ’n‘ Roll auch viele Elemente aus dem Blues. So fand das klassische Zwölf-Takte-Schema dessen auch hier oft Anwendung und auch die Swing-Rhythmen des Blues wurden übernommen.

Einige Änderungen gab es trotzdem. Der stetige Puls der Hi-Hat wurde durch Snare-Schläge ersetzt, woraus der klassische Train-Rhythmus entstand. Hör hier mal rein:

Ein klassischer Train-Groove, wie er auch oft im Rock ’n‘ Roll verwendet wurde

Der Unterschied zwischen Rock und Rock ’n‘ Roll

Segler verwendeten den Begriff Rock and Roll bereits seit Jahrhunderten, noch weit bevor er sich im musikalischen Kontext durchsetzte. Dort nahm er Bezug auf die Bewegungen des Schiffes bei Wellengang und auch heutzutage bezeichnen Piloten die „Drehung“ ihres Flugzeuges immer noch als Roll.

Im 19. Jahrhundert begannen nun Gospel-Sänger, dass heißt Leute die afroamerikanische Kirchenmusik machten, diese Sprache zu übernehmen. Den sprichwörtlichen Wellengang sprachen sie hier einer göttlichen Kraft zu, welche sie spirituell bewegte.

Später verbreitete sich die Nutzung des Begriffs auch als andere Bezeichnung für Tanzen oder Sex. So bezieht sich das „Rock“ im Titel von Stücken wie Rock It In Rhythm oder Don’t You Rock Me Daddy-O auf genau diese Interpretationen. Hör hier mal in einige dieser Songs rein:

Auch hier gibt es keine Aufnahmen von afroamerikanischen Musikern. Lediglich weiße, welche diese als afoamerikanischen Jazz bezeichneten

Nun popularisierte ein gewisser Alan Freed, DJ aus Cleeveland, die Bezeichnung Rock ’n‘ Roll für Musik in den frühen 1950ern. Freed hatte eine Radioshow in welche er frühe Formen des Genres spielte und als er nach einem Namen für diese Show suchte, kontaktierte er seine Sponsoren mit welchen er sich auf The Moondog Rock & Roll House Party einigte.

Die Sponsoren sahen darin Namen mehr, als nur einen Namen, denn zur selben Zeit versuchten sie natürlich auch die neuen Aufnahmen des Genres zu verkaufen. Eine prominente Radiosendung in dessen Titel die neue Bezeichnung auftauchte, sahen sie dann natürlich gern.

Der Rock, so ähnlich wie wir ihn heute kennen, entstand jedoch erst viel später. Ihn zeichnet deutlich mehr Härte, wie wir sie durch Künstler à la Led Zeppelin gewohnt sind, aus.

Natürlich entstand er trotzdem aus dem Rock ’n‘ Roll. Die Schlagzeuger verbannten einmälich die Einflüsse des Jazz aus ihrem Spiel und adaptierten einen steiferen, kräftigeren Stil, welcher sich besser mit den verzerrten Gitarren und derben Gesängen des Rocks mischt.

Nichtsdestotrotz erhielten sie den „nachhinkenden“ Rhythmus, welcher aus einer Kombination von geraden Gitarrenparts und geswingten Drums entsteht, bei.

Abschließend lässt sich festhalten, dass im Rock der Fokus voll und ganz auf einem kräftigen Sound und dem Auftritt der Instrumente als „Paket“ liegt. Im Rock ’n‘ Roll wurde hingegen versucht, einen vielseitigen und tanzbaren Groove zu erschaffen.

Die Anfänge des argentinischen Rock ’n‘ Roll

„Die musikalische Welt war ruhig, aber es war eine Ruhe vor dem großen Sturm“

http://www.magicasruinas.com.ar/reducciones/corrientes-musicales-comienzos-01.htm

Es waren Zeiten der Veränderung in der Welt und Gesellschaft und so suchte auch die argentinische Jugend die Unabhängigkeit von ihren Eltern. Dieser neue Rhythmus aus den Vereinigten Staaten fand da schnell Anklang und begann einen Generation von Rebellen heranzuziehen.

In der Mitte der 1950er Jahre befand sich Argentinien am Ende einer langen Etappe der Ausbreitung. Nicht nur die Wirtschaft des, bis dahin klar in der dritten Welt positionierten Landes, erfuhr einen Aufschwung. Millionen von Auswanderern aus der ganzen Welt ließen sich zudem während der vergangenen siebzig Jahre in den Weiten des Landes nieder.

Wie das obige Zitat bereits andeutet, war die argentinische Musik der 50er stark von „alten“ Genres dominiert, von denen einige

  • Tangos,
  • Folklore oder
  • Boleros

sind.

Auch wenn die wirkliche Entstehung des Rock Nacional erst ein Jahrzehnt später stattfinden sollte, legte die Ausstrahlung eines ganz bestimmten Filmes bereits 1956 den Grundstein dafür.

Rock around the Clock

„Die Straßen […] wurden von Jugendlichen überfallen.

Die 15- oder 16-jährigen Mädchen waren so aufgeregt, dass sie die Fensterläden der Geschäfte hochkletterten.

Andere bereiteten sich den Weg in ihren Autos oder fanden Freude darin, einen extatischen Schock vorzutäuschen.“

So beschrieben Einheimische der argentinischen Provinzhauptstadt Mendoza die Ankunft der zentralen Figuren des Filmes Rock around the clock – es waren Bill Haley & His Comets. Am 30. August 1956 feierte der Film seine Premiere in den argentinischen Kinos und sollte die Ankunft des Rock ’n‘ Roll in dem südamerikanischen Land verläuten.

Nicht viel später bildete sich die erste einheimische Band Mr. Roll y sus Rockeros („Mr. Roll und seine Rocker“) um den Vorreiter Eddie Pequenino. Da dieser sich vorerst auf Coverversionen der amerikanischen Originale stütze, Titel und Songtexte derer jedoch oft auf Spanisch übersetzte, stellte sich sofort die Frage der Sprache.

Die Jugendlichen fragten sich: „Ist das jetzt argentinisch oder nordamerikanisch?“. Für einige von ihnen war es eine Invasion durch ausländische Musik, andere begrüßten die neuen Rhythmen mit offenen Armen. Sie kleideten sich nach den typischen Idolen des Rock ’n‘ Roll, trugen Jeans und machten sich die Haare hoch.

Neben Mr. Roll waren auch die Cinco Latinos eine frühe Band des argentinischen Rock ’n‘ Roll. Ihr Stil ist etwas seichter und bedient sich stark der Romanzen, welche auch vor dem Einschlag der amerikanischen Musikrichtung bereits weit verbreitet waren.

Elvis & Sandro

DIE Persönlichkeit des Rock ’n‘ Roll – Elvis Presley – sollte natürlich auch an Argentinien nicht unbeachtet vorbeiziehen. Er war den Jugendlichen ein Stilidol, nach welchem Vorbild sie sich kleideten und sorgte eigenhändig für die Verdopplung der Gitarrenverkäufe innerhalb eines Jahres.

Angeregt von seinen spektakulären Auftritten, stellten sich neue argentinische Künstler nun auch mit Vergnügen selbst dar und ein gewisser Billy Caffaro begann, seinen Fans aus einem Helikopter heraus zu begegnen.

Nichtsdestotrotz hatte Elvis in Argentinien keinen so großen Einfluss auf die Entwicklung des Rock ’n‘ Roll, wie in anderen Staaten. Das Leitbild blieb hier Bill Haley.

Roberto Sánchez, ein junger Argentinier, begann früh damit, den „King of Rock ’n‘ Roll“ zu imitieren. Unter dem Künstlernamen Sandro gelangte er mit seiner Gruppe Los de Fuego, „die vom Feuer“, schnell zu Ruhm. Du findest einige ihrer Stücke in meiner Playlist zu diesem Beitrag weiter unten.

Einige Historiker sehen Los de Fuego als erste argentinische Band, welche alle klassischen Elemente des Rock ’n‘ Roll vereint – wenn auch die meisten ihrer Songs nach wie vor Cover englischer Originale waren.

Oft spielte der Sandro, der argentinische Elvis, mit seiner Gruppen in düsteren Bars bis spät in die Nacht und erhielt wenig im Gegenzug.

„Ich habe mich vom Rock ernährt. Dank ihm verließ ich die Straßen. Er rettete mich, rettete mich davor vielleicht ein Verbrecher zu werden.“

– Sandro

Die neue Welle in Argentinien

Dank der Seifenoper Club del Clan, welche zur nueva ola („neuen Welle“) gezählt wird, gelangte eine ganze Reihe an Bands des neuen Stils an die Öffentlichkeit. Häufig waren diese nun nicht mehr exklusiv aus Argentinien, sondern stammten aus ganz unterschiedlichen lateinamerikanischen Ländern.

Ganz besonders möchte ich hier los TNT hervorheben. Ihr Titel Eso (Eso, eso, eso), welcher ebenfalls aus oben genannter Seifenoper stammt, gefällt mir extrem gut. Es ist dieses klassische Mid-Century Feeling, welches mich mit seinen überlagerten Chorgesängen an die Fallout Spielereihe und meine vielen schönen Erfahrungen mit dieser erinnert.

Los TNT stammen aus Uruguay und schafften es Anfang der 60er Jahre sogar in den europäischen Musikmarkt einzudringen – primär natürlich in Spanien. Ihre Musik spiegelt, meiner Meinung nach, wundervoll einige Elemente der lateinamerikanischen Musik wieder und ist das, was ich unter argentinischem Rock ’n‘ Roll verstehen würde, hätte ich noch nie davon gehört.

Rocker vs. Tangueros

In den 40ern und 50ern hatte sich eigentlich der Tango als Nationalmusik der Argentinier durchgesetzt, jedoch bildeten sich mit der Ankunft des Rock ’n‘ Roll bildeten nun zwei Fronten.

Vieler Mitglieder der Generation, deren Anhänger zwischen 1920 und ’35 geboren wurden, waren jedoch bereit, rasch auf den Zug des Rock aufzuspringen.

„All diese Freude auf der Straße konnte nicht von Dauer sein.

Eine andere Gruppe Jugendlicher begann zu attackieren, sie provozierten eine Reihe von Beleidigungen und dann kam der Kampf.

Manche verteidigten die nationale Musik. Sie nannten sich „Tangueros“ und kleideten sich konservativer.

Für einige war dieser Kampf eher politisch und ideologisch geprägt als eine einfache Art, Spaß zu haben.

Zum Glück griff die Polizei ein und die Party ging weiter.“

– Augenzeuge aus MenDoza in https://web.archive.org/web/20070911020133/http://weblog.mendoza.edu.ar/artmusica/archives/003630.html

Der Tango-Rock-Gegensatz war eine fundamentale Beschreibung des derzeitigen Generationenkonfliktes in Argentinien und auf der ganzen Welt. Viele Rockmusiker, welche sich zuerst noch zum offenen Protest bekannten, wanderten später ins Inland ab und gründeten „Aussteiger-Kolonien“.

Unbeachtet von diesen Konflikten sollte neben den vielen Covern bereits 1956 als erster Vorreiter des Rock Nacional das Stück Rock con Leche („Rock mit Milch“) veröffentlicht werden.

Für fast die nächsten zehn Jahre sollte der milchige Rock jedoch der einzige richtige Vertreter des Rock Nacional sein. In der Zwischenzeit wurde das Land von einer sehr bekannten Band erfasst – den Beatles.

Die Geburt des „Rock Nacional“

Die ersten Jahre des Rocks in Argentinien beschränkten sich auf Coverversionen. In 1964 wurde das Land nun, ganz wie große Teile der restlichen Welt, vom Phänomen der Beatles in den Bann gezogen.

Das „Beatlemania“ bedeutete viel mehr als die Lust auf neue Musik, vielmehr repräsentierte es die Entstehung einer globalen Szene junger Rocker. Sie identifizierten sich mit den Stilmitteln des Rocks, trugen Jeans oder Miniröcke und begrüßten die sexuelle Revolution.

„Als ich 16 oder 17 Jahre alt war, bemerkte ich, dass es eine Rockbewegung in Buenos Aires gab.

Ich fing an neue Leute kennenzulernen und wir bemerkten, dass wir dieselben Verbindungen mit dieser Musik teilten.“

Ricardo Soulé in https://web.archive.org/web/20131013201821/http://www.rock.com.ar/notas/1/1380.shtml

Im Gegensatz zu anderen Ländern, wie den USA oder Großbritannien, war der argentinische Rock eine Bewegung, die ihre Wurzeln in der Mittelklasse hatte. Trotzdem sollte der britische Rock ’n‘ Roll, mit seinen Bands wie den Beatles oder den Rolling Stones, einen weitaus größeren Einfluss auf Argentinien haben, als amerikanische Vertreter dieser Bewegung.

Bevor sich die Bezeichnung Rock Nacional durchsetzte, wurde derartige Musik in Argentinien meist als Beat bezeichnet. Zur Mitte der 60er trafen sich die späteren Begründer der Szene in Untergrund-Bars. Buenos Aires hatte sich nämlich mittlerweile als kulturelle Hochburg des südamerikanischen Kontinents etabliert.

„Das Herz, der Spirit dieser Bewegung war nicht intelektuell, er war musikalisch.

Wir wollten uns nicht zum Quatschen in einem Café verabreden, wir wollten 24 Stunden am Tag leben.

Das freie Leben ist ein Kunstwerk und ich musste einfach versuchen, meinen Teil dazu beizutragen.“

Pedro Pujó

In den Anfangszeiten des Beats bevorzugte die Mehrheit der Rocker es nach wie vor, auf Englisch zu singen. Sie fanden in dieser Zeit, dass Spanisch einfach nicht gut für diese Art von Musik klang.

Wir haben auf Englisch gesungen, weil das gerade so „in“ war. Derjenige, der auf Spanisch sang, war ein Schleimer.

Ricardo Soulé

La Balsa

Der ultimative Hit des argentinischen Beat war die Gruppe Los Gatos („Die Kater“). Als sie am 3. Juli 1967 ihren Song La Balsa („Das Floß“) veröffentlichten, konnten sie nicht mit dem erdrutschartigen Erfolg dessen rechnen. Es sollten nämlich über 250.000 Kopien von La Balsa über die Ladentheke gehen.

Die Aufmerksamkeit dieses Erfolges zog natürlich auch einen gewissen Stolz mit sich und der Begriff Rock Nacional verbreitete sich in den frühen Siebzigern. Eine weitere nennenswerte argentinische Gruppe dieser Zeit hört auf den Namen Almendra. Ihre langatmigen und synphonisch wirkenden Titel zeigen voll und ganz die Einflüsse britischer Bands auf Künstler in Argentinien.

Dieser synphonische Stil sollte die argentinische Rockmusik bis in die späten 70er prägen und viele weitere Künstler hervorbringen. Neben der musikalischen Weiterentwicklung, hat jedoch auch die Militärdiktatur des Landes ab 1976 der Musik weiteren Tiefgang und Bedeutung verliehen.

Rock ’n‘ Roll in der argentinischen Militärdiktatur

Am 24. März 1976 wurde die demokratische Regierung Argentiniens gestürzt und das Land in den folgenden sieben Jahren durch ein Militärregime geführt.

„Künstler aller Gattungen verschwanden einfach oder mussten ins Exil gehen.“

Alle größeren Rockkonzerte waren nun untersagt und alle veröffentlichten Kunstwerke unterlagen einer strikten Zensur. Die kritischen Motive des argentinischen Rocks konnten nicht mehr behandelt werden.

Der erste Schritt des Regimes war ein totaler kultureller Blackout. Alle Medien wurden unmittelbar in die Macht der Diktatoren gebracht und schwarze Listen von Künstlern, welche nicht mehr veröffentlichen durften, aufgestellt.

Unsicherheit als Machtmittel

Ein wichtiger Teil der schattenhaften Bedrohung durch das Regime war die Unsicherheit. Niemand wusste genau, was erlaubt und was verboten war. Jedoch war das kein Zufall, sondern eine bewusste Einschüchterungstaktik.

Als Konsequenz verbreitete sich die sogenannte „Selbstzensur“ rasch. Viele Lehrer, Verleger, Künstler und Autoren verstummten, aus Angst vor den ungewissen Folgen der Veröffentlichung ihrer Werke, ganz von selbst.

Doch aus dem Exil und aus dem Untergrund agierten diese Bands weiter. Oft verkündeten sie ihren Verdruss durch kryptische Texte und mittels einer komplexen Symbolsprache. Ein Medium, über das Rock-Fans oft kommunizierten, waren Rock-Fanmagazine. In den Leserbrief-Sektionen brach ein regelrechter Kommunikationssturm aus.

Der Untergrund ruht nicht

Mit den Leserbriefen hatten die Jugendlichen der Zeit eine Möglichkeit gefunden sich auszutauschen, auch als Clubs, Diskos und Konzerte untersagt waren. Des Weiteren umgingen sie das Verbot, in dem sie anfingen, sich privat zu treffen.

„Das waren die Tage als Leute anfingen, Musik zusammen zu hören. Meine Freunde und ich haben uns bei diesem einen Typen getroffen und gemeinsam die neuesten Platten gehört.

Es war die einzige Möglichkeit die Atmosphäre der Konzerte einzufangen. Niemand hat seine Platten zuhause aufbewahrt. Wir brachten sie einfach direkt zu diesem Typen.

Dieses Kollektiv war die einzige Community, die wir hatten.“

Bericht aus Rock Nacional in Argentinia during the dictatorship

Mit der Zeit bildete sich eine immer größere Oppositionsbewegung um den Rock Nacional. Im selben Atemzug versuchte das Regime durch strenge Medienkontrolle und systematischen Terror, das Denken jedes einzelnen Bürgers zu reformieren.

Auch wenn diese die Selbstzensur rasch akzeptierten, konnten die Diktatoren nicht alle Gedanken kontrollieren. Es zeigt sich mal wieder, dass Zensur, egal wie extrem, immer zum Scheitern verurteilt ist. Ganz im Gegenteil, in Argentinien befeuerten die radikalen Maßnahmen der Regierung ihre Opposition sogar.

„Die Kontrolle von Wörtern kann niemals eine vollständige Kontrolle des Geistes hervorbringen.“

– aus Rock Nacional in Argentinia during the dictatorship

Am 2. April 1982 wurden der Welt abermals die Schrecken des Krieges offengelegt. Die Argentinier kämpften im Südatlantik gegen die Briten um die Kontrolle der Falkland Inseln – und sie verloren. Das Militärregime erreichte seinen Tiefpunkt. Nach Jahren des wirtschaftlichen Rückgangs wurden endlich neue demokratische Wahlen ausgerufen und die Zeit der Diktatur galt als beendet.

Rock Nacional wird international

Die Geschichte des Rock Nacional in der argentinischen Militärdiktatur zeigt eindrucksvoll, wie sich hinter diesem Phänomen nicht nur eine Ausdrucksform der Kultur, sondern auch ein Phänomen der Verbindung von Menschen in Krisenzeiten verbirgt. Seit dieser Zeit ist der Rock Nacional den Argentinier so heilig, wie ihr Fußball.

Nun ging es rasch bergauf. Durch den Krieg mit den Briten suchten argentinische Radiosender nach neuen, lokalen Künstlern, deren Musik anstelle der britischen erklingen sollte. Guter Nährboden für eine Szene, die sich die letzten sieben Jahre im Untergrund weiterentwickelte und nun die Lorbeeren der langen Geduld ernten wird.

Zum ersten Mal gab es Revivals der alten Bands wie Almendra. Ihre Mitglieder kamen erneut zusammen und versuchten den Puls der Zeit mit dem, von vor zwanzig Jahren zu vermischen. Langsam lösten sie sich von dem synphonisch, langatmigen Stil und begannen, leichtere Themen wie Geld oder Sport, zu behandeln

All dies machte die Musik natürlich attraktiver für die breite Hörerschaft – nicht nur in Argentinien, sondern auf der ganzen Welt.

„Wir verließen Argentinien um in Chile oder Peru zu touren.

In manchen Orten hatten die Leute noch nie ein Rockkonzert erlebt.“

Drei große Trends zeichneten den Rock Nacional der 80er aus:

  1. Der Reifeprozess der Bands: Sie experimentierten nun viel mehr und trauten sich, auch Mittel anderer Stile in ihre Musik einzubauen.
  2. Das „Reggaemania“: Während argentinische Bands auf der ganzen Welt tourten, war ihr Heimatland voll und ganz im Reggaefieber gefangen.
  3. Rock Rolinga“: Unter diesem Begriff wird eine, stark von den Rolling Stones, inspirierte Musikrichtung bezeichent. Sie war härter im Stil und erfreute sich besonders in den ärmeren Vierteln des Landes großer Popularität.

Argentinische Musik in der heutigen Zeit

In den 90er Jahren kam nun auch elektronische Musik groß auf dem lateinamerikanischen Musikmarkt raus. Die Techno und House Szene explodierte und brachte viele DJs hervor, welche nun auch internationalen Erfolg feierten.

Interessanterweise entsteht nun wieder eine Art Generationenkampf. Anstelle von „Rockeros vs Tangueros“, heißt es nun „Rockeros vs. Electrónicos“.

Des Weiteren feierte auch die Cumbia Romantica, eine Form des kolumbianischen Cumbia, erste Erfolge. Wie der Name schon andeutet, handelt es sich hierbei um seichte Musik, die lange mit einem Image, wie es heutzutage Boygroups haben, zu kämpfen hatte.

Fazit

Der Rock Nacional heißt nicht umsonst so. Er ist festes Element der argentinischen Kultur und seine Geschichte erzählt auch die Geschichte dieses Landes.

Durch gute, wie auch schlechte Zeiten, bildete sich eine, auch international anerkannte, Musikszene. Die ersten Einflüsse aus den USA sind dabei heutzutage tief versteckt und lassen sich nur raushören, wenn man die Geschichte des Rock Nacional bis ganz an ihren Anfang verfolgt.

Schade, dass man davon so wenig in Deutschland mitkriegt.

Deine „Rock Nacional“-Playlist

Bei der Recherche für diesen Beitrag hörte ich mich natürlich ausgiebig durch die feinen Klänge des argentinischen Rock ’n‘ Roll. In dieser Playlist findest du meine Lieblingsfunde:

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